Stefan.Waidele.info

Anonyme Blogs – Eine Gedankensammlung

Schon seit ich über Ina von den Blogpaten gehört habe, überlege ich mir, wir man in Deutschland auf legale Weise anonym Bloggen könnte. Offensichtlich bin ich mit diesen Gedanken in guter Gesellschaft – denn wie Robert Basic heute getwittert hat, denkt er auch über ein „textbasiertes Postsecret“ nach.

Auch die Blogpaten realisieren zum Teil wohl anonymes Bloggen im Bereich chronischer Krankheiten (?), allerdings steht das (noch?) nicht auf der Website. (Oder ich habe das nicht entdeckt) Update: Ist auf der „Offenen Plattform“, siehe Artikel „Rede darüber, gern auch anonym. Lass uns in Dialog kommen.

Als Reaktion auf diesen Artikel habe ich von Niklas einen Link zur Seite How to Blog Safely (About Work or Anything Else) getwittert bekommen. Auch sehr gute Gedanken zum Thema. Die deutsche Impressumspflicht sollte die Umsetzung jedoch schwer machen.

Hier meine bisherigen Gedanken über „Anonymous Blogging“ bzw. „Blogging by Proxy„:

1. Zielgruppe: Wer will anonym bloggen?

  • Waiterrant war nur durch die Anonymität des Bloggers möglich – als die „Tarnung“ mit zunehmendem Erfolg aufflog, begann das Ende des Blogs. Steve Dublanica bloggt weiter, aber es ist IMO ein „anderes Blog“
  • Shopblogger plaudert nicht wirklich brisantes aus. Außerdem ist der Supermarkt ja nicht gerade ein Ort, an dem man Diskretion erwartet.
  • Weitere „Kandidaten“ für Anonymes Bloggen wären Menschen mit Krankheiten, Jugendliche und (in begrenztem Maße) Leute mit „Vertrauensberufen“, z.B. Eltern, Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte, Lehrer, etc.
  • Alle, die privates Öffentlich schreiben wollen, ohne direkt damit in Verbindung gebraucht zu werden. Das ist oft nicht „feige„, sondern meistens „weise
  • Wer nicht zu seinem geschriebenen steht, der soll es doch nicht schreiben“ – Zählt nicht. Manchmal wäre es gut, wenn ein „sensibles Thema“ mehr in der öffentlichen Diskussion steht.
  • Enthüllungsartikel“ sind in in dieser Betrachtung nicht mit dabei, da hier das ohnehin hohe Risiko noch weiter ansteigt.

2. Typen von anonymen Veröffentlichungen

  • Einmalige Artikel – Das Postsecret-Prinzip im Textmodus
    Der Schreiber schreibt sich ein Erlebniss oder etwas anderes von der Seele und das war es dann. Eventuell findet noch eine Diskussion in den Kommentaren statt (sofern dies ermöglicht wird).
    Die Themen können hierbei einen großen Teil des Menschlichen Daseins abdecken – wie eben das Postkarten-Orginal
    Merkmal: Jeder Artikel ist eine in sich abgeschlossene Einheit.
  • Anonyme Blogs – Geschichten zum Miterleben
    Hier steht beim ersten Artikel noch nicht fest, wie die Geschichte weitergeht. Das müssen nicht unbedingt solch dramatischen Dinge sein wie in „Mein etwas anderes Leben„, ganz „normale Kindererziehung“ liefert doch schon genug Stoff zum Lachen, Heulen und Mitfiebern.
    Merkmal: Das Blog entwickelt sich mit der Zeit, dem Schreiber und (hoffentlich auch) den Lesern
  • Non-Fiction – Life as it happens
    Echte Menschen schreiben über echte Ereignisse
  • Fiction – wo ist die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit?
    Malte Welding’s Texte rund um eine Beerdigung (Teil 1, 2, 3, 4) konnten (können?) von den Lesern ohne weitere Hilfe nicht eingeordnet werden: Autobiografisch oder Fiktion?
    Überhaupt ist es mit der Kunst ja so eine Sache: Manche trauen sich eben nicht gleich auf die große Bühne. Zumindest nicht am Anfang. Und somit könnte so manchen kleine Pflänzchen im Anonymen wachsen, bis es die Kraft hat, sich in das raue Klima der impressumspflichtigen Öffentlichkeit zu stellen.

3. Anforderungen

  • Anonymität der Autoren
    Wohl die Grundvoraussetzung für anonymes Bloggen. Und dennoch nicht so banal wie es scheint. (IP-Adresse, E-Mail Header, etc.)
    Je nach Stärke der Anonymität werden wohl die Themen der Artikel gewählt sein.
  • Rechtssicherheit des „Veröffentlichers“
    Wer will schon für die Texte anderer Leute abgemahnt werden? Auch bei Einmaligen Artikeln besteht diese Gefahr. Stichworte: Straftaten beschreiben, dazu auffordern, oder wohl am gefährlichsten (weil nicht immer ersichtlich): Urheberrechtsverstöße!
    Hierzu kann auch eine Möglichkeit notwendig sein, mit der im Ernstfall die Anonymität aufgehoben werden kann.
  • evt. Zuordnungsmöglichkeiten
    Steht zwar im widerspruch zur Anonymität, aber evt. will ein Schreiber etwas am Artikel verändern oder seine Werke tatsächlich einmal unter eigenem Namen veröffentlichen. Ein entsprechendes Pseudonym-System müsste hierfür im Voraus vereinbart werden.
  • Pseudonyme würden auch eine Verteilung eventueller Werbeeinnahmen ermöglichen.

4. Umsetzung – Probleme – Fragen

  • Einmalige Artikel könnten über ein öffentliches Forum, als Kommentare zu einer bestimmten Seite im Blog oder per E-Mail angenommen werden. (E-Mail ist nur so anonym, wie es der Sender selbst macht). Ein Moderator sichtet die Beiträge und veröffetnlicht diejenigen, die er als 1. interessant und 2. rechtlich unbedenklich erachtet.
  • Wiederkehrende Artikel (also Blogs) könnten vom Schreiber oder vom Veröffntlicher eingerichtet werden. Der Schreiber erstellt die Artikel (moderiert oder unmoderiert), der Veröffentlicher steht mit Name und Adresse im Impressum.
    Der Schreiber gibt im voraus eine Erklärung ab, den Veröffentlicher von jeglichen juristischen Konsequenzen frei zu halten, d.h. im Ernstfall die Anonymität aufzugeben.
    Die große Frage ist: In wie weit sind solche Erklärungen möglich, anerkannt und realisierbar? Steht vielleicht im „Kompendium Internetrecht“ – aber da bin ich noch nicht durch 🙂
  • Pseudonyme können vorab über Codes vereinbart werden, um ein späteres Zuordnen zu ermöglichen.
  • Eventuelle Werbung müsste über den Veröffentlicher realisiert werden, um den Schreiber zu schützen. Ein Verteilung der Einnahmen ist bei Blogs mit einem Author somit recht einfach, bei mehreren Schreibern recht kompliziert (unabhängig davon, ob diese mit Namen bekannt sind oder nicht 🙂 )
  • Über Dienste wie WordPress.com, Blogger.de oder andere lassen sich recht einfach Blogs mit meist „ausreichender Anonymität“ erstellen. Ein Impressums-Abmahner wird wohl kaum den IP-Traffic in die USA auswerten, um an sein Opfer zu kommen.
  • Sicherheit: Der Schreiber begibt seine private und/oder berufliche Sicherheit in die Hände des Veröffentlichers. Eventuelle Lecks beim Anbieter schlagen direkt zum Schreiber durch – und das mit sensiblen Inhalten. (Haftung?)

So, und nachdem ich das jetzt alles so runtergetippt habe, kann ich auch auf Roberts Frage antworten: „@stwaidele was hat dich btw daran gehindert?

Die Spontane Antwort war „@RobGreen Gehindert hat mich die Tatsache, dass ich a) kein Anwalt bin und b) ich noch mit der Idee „schwanger“ gehe/ging“ – und das stimmt auch noch so. Jedoch muss ich nun noch ergänzen, was wohl der Hauptgrund ist: Wenn man es anbieten will, dann sollte man es richtig gut machen. Und je mehr man darüber nachdenkt, desto schwieriger wird es, es gut zu machen.

Das Risiko ist für beide Seiten zu hoch

Wobei bei einer „Strictly 1-Shot“ Geschichte, wie Robert das angedacht hat, das Risiko ziemlich klein gehalten werden kann. Dann bleibt im Prinzip nur noch die Sache mit den versteckten Urheberrechtverletzungen. Den Rest könnte man mit dem „gesunden Menschenverstand“ (also Moderation der Beiträge mit Umsicht) regeln.

So, jetzt fehlen mir nur noch wenige Worte, dann habe ich einen Artikel mit dem Word-Count 1000 geschrieben. Sechzehn, fünfzehn, vierzehn, dreizehn, zwölf, elf, zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, NULL

This entry was posted in Freedom, Kinderweb, Opinons, Web2.0 and tagged . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post. Both comments and trackbacks are currently closed.

9 Comments

  1. Posted 27. Februar 2009 at 22:22 | Permalink

    Hatte @robgreen E-Mail versprochen – wurde ein Blogpost draus 🙂 "Anonyme Blogs – Eine Gedankensammlung" – http://is.gd/l9dE @Blogpaten

  2. Posted 27. Februar 2009 at 23:16 | Permalink

    wow, was ein Kracherbeitrag, wunderbar strukturiert! Kompliment!!!

    Werde mein Modell postsecret vorstellen, das näher betrachten

  3. Posted 27. Februar 2009 at 23:59 | Permalink

    Wenn ich mich recht entsinne (d.h. ich bin ganz sicher sollte von 2006 sein, die publikation) gibt es vn en ‚Reportern ohne Grenzen‘ eine Handreichung zum anonymen Bloggen, das auch Autoritätsstaat-sicher sein sollte.

    Falls du es nicht findest suche ich es, sollte aber unter weblogs/tipps in meinen Deliciousbookmarks sein.

  4. Theo
    Posted 28. Februar 2009 at 9:46 | Permalink

    Bei Boocompany wird seit Jahren anonym gebloggt. boocompany.com

    Was ist daran neu?

  5. Posted 28. Februar 2009 at 10:05 | Permalink

    @Theo: „Diese Seite [also: boocompany.com] sammelt ausschließlich negative Unternehmensmeldungen“

    Das passt zwar auch in obige Überlegungen rein, deckt aber bei weitem nicht alle Anwendungen für anonymes Bloggen ab.

    Trotzdem ist es interessant, sich anzuschauen, wie Boocompany.com mit den genannten Problemfeldern umgeht.

  6. Posted 20. Dezember 2009 at 23:03 | Permalink

    Danke für die Gedankensammlung. Hat mir gefallen!

  7. Posted 28. März 2010 at 16:38 | Permalink

    Alle, die privates Öffentlich schreiben wollen, ohne direkt damit in Verbindung gebraucht zu werden. Das ist oft nicht “feige“, sondern meistens “weise“

    Danke für diesen Satz. Der triffts haargenau. So ist es nämlich bei mir. Wobei man sich auch bewusst sein sollte – aber das tönst du ja an – dass anonym bloggen je nach dem aufwändig sein könnte – sicherheitstechnisch 😉

  8. Lulu
    Posted 21. Januar 2012 at 10:14 | Permalink

    Ich scheiß auf euch alle ihr könnt mich mal ihr seit alle so falsch !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Aber ih sag nur
    *

    Don´t cry say f*** you and smile :´)

    • Stefan Waidele
      Posted 21. Januar 2012 at 12:00 | Permalink

      Herzlich willkommen in meinem Blog. Schön, dass Du hierher gefunden hast, und vielleicht können wir auch noch einmal an den Umgangsformen arbeiten.

      Viele Grüße,

      Stefan

4 Trackbacks

  1. […] Waidele denkt, wenn auch in einer anderen Richtung (Postsecret), ebenfalls über anonymes Bloggen nach: Für wen wäre das interessant? Für alle, die Privates öffentlich schreiben wollen, ohne […]

  2. By links for 2009-02-28 « Where is my towel? on 1. März 2009 at 8:01

    […] stefan.waidele.info — Anonyme Blogs – Eine Gedankensammlung (tags: weblogs anonymoous postsecret icommented) […]

  3. […] Zum anonymen Bloggen hier die für mich wichtigsten Gedanken aus Stefan.Waidele.Info: […]

  4. […] Waidele was also thinking about anonymous blogging, if in a slightly different (Postsecret) way: For whom would it be interesting? For all those that […]