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Gedanken an einem wolkigen Tag – Re: Cloudcomputing

Blue sky_01 - (c) by http://www.flickr.com/photos/ajari/

Cloud Computing“ ist in aller Munde. Damit bezeichnet man, dass Daten und Programme nicht mehr auf dem eigenen Computer gespeichert und ausgeführt werden, sondern im Internet. Das Internet wurde/wird in Schaubildern oft als „Wolke“ dargestellt – daher der Name.

Die Vorteile des Speicherns und Arbeitens im Netz sind (anscheinend?) bessere Verfügbarkeit, ortsunabhängigkeit und leichtere Wartung (weil der Nutzer sich nicht um Programinstallationen, kaputte Computer und Updates kümmern muss).

Ein weiterer Begriff, der in Richtung Cloud Computing geht ist „Software as a Service„, also Software als Dienstleistung oder kurz SaaS. Dabei muss diese Software nicht unbedingt über das Internet bedient werden, was aber an den folgenden Problemem nur wenig ändert.

Aber welche Risiken liegen in der Abhängigkeit von der Wolke?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich vor Augen führen, wo der Internetnutzer von Heute bereits mit dem Cloudcomputing in Berührung kommt. Denn die meisten Webanwendungern werden noch gar nicht unter diesem Buzzword beworben.

Unsere Daten – zumindest die Fotos – speichern wir bei Flickr, Panoramio, Photobucket oder einem ähnlichen Dienst. Unser Adressbuch haben wir bei Facebook, Xing oder WasauchimmerVZ. Man bloggt bei WordPress.org oder Blogger.com. Manche Betriebe wickeln die gesamte Unternehmensplanung über SaaS ab. Marketinganktivitäten laufen bei modernen Betrieben immer mehr über Social Networks, z.B. über eine Facebook Fanpage. Aber auch kleinere Annehmlichkeiten werden von der Wolke angeboten: Bookmarklisten, Kurze Webadressen, Microblogs (welche oft die Rolle von E-Mails oder SMS übernehmen).

Und dann liest man immer wieder von Vorfällen wie diesem:

„The Cloud“ löscht Kundendaten:

Seit heute ist die Fanpage Geschichte. Facebook hat sie gelöscht

Hier handelte es sich um eine „nostalgische“ Fanpage, auf der Screenshots von Windos 3.1 gesammelt wurden. Es geht mir in meiner Betrachtung nicht um die Frage, ob diese Gruppe berechtigt gelöscht wurde oder nicht. Es geht mir um folgende Punkte:

  • Wäre die Fanpage Bestandteil einer Marketingaktion wäre evt. die ganze Kampagne gefährdet
  • Die Seite wurde ohne Anhörung und ohne Begründung gelöscht. Selbst der Ersteller erfuhr erst im Nachhinein von der Löschung – durch eine scharfe Verwarnung – aber ohne Aussage gegen welche der FB-Regeln er denn verstoßen habe.
  • Es wurde Content vernichtet!
    Auch wenn eventuell Rechte eines großen Unternehmens beeinträchtigt waren: Alles, was dort an eigenen Werken der Mitgliedern lag, ist weg.

Ein weiterer Fall ist der von „Superbertram„, der durch Löschung seines Flickr-Accounts eigenen Angaben zu Folge 250.000 Bilder verloren hat.

„The Cloud“ verliert Kundendaten – und damit virtuelle Güter:

Schon wieder Facebook, aber als einer der großen Player muss man wohl damit leben, dass Mißgeschicke auch entsprechendes Echo finden:

When any data disappears from the cloud, no matter how innocuous, it calls into consideration serious questions of trust and competence.“

also

„Wenn Daten, so unwichtig sie auch sein mögen, aus der Wolke verschwinden, dann ruft das danach, ernsthafte Fragen nach Vertrauen und Fähigkeiten zu stellen“

Mit dem gleichen Problem mussten die Teilnehmer bei SecondLife zurechtkommen, als im großen Hype immer wieder gekaufte virtuelle Gegenstände aus dem Inventar von Avataren verschanden. Denn in Vitruellen Welten sind Daten und Güter gleich.

Ein weiteres Beispiel ist „Linkup“ – ein Online-Speicherdienst, der 45% der Daten der Benutzer verloren hatte und somit schließen musste. Oops.

Die Cloud macht abhängig

Erfolg ist ja ganz schön. Aber wenn Internetanbieter zu schnell zu viel Erfolg haben, dann bekommen auch die Nutzer ein Problem. Das hat man bei Twitter gesehen, das hat man bei MySpace gesehen, das hat man bei SecondLife gesehen und das hat man auch bei jeder Website gesehen, die in den Hochzeiten von Slashdot auf deren Titelseite landete – „We’ve been slashdotted“ war einige Zeit gleichbedeutend mit „Unsere Seiten sind aufgrund zu hohem Ansturms nicht mehr erreichbar“.

Und dann? Dann steht der Nutzer da, und kann seine kurzen Webadressen nicht mehr aufrufen, oder das für Werbung und Verkauf so wichtige Profil ist nicht erreichbar, oder man kann seinem SL-Job nicht nachgehen und verliert Honorar manchmal vielleicht sogar in echten Dollars, und nicht in Lindens.

Die Cloud benötigt keine Legitimation

Legitimation ist ein großes Wort. Das Volk ist souverän und legitimiert die Regierung. Die Regierung muss sich vor dem Volk rechtfertigen. So sollte es zumindest sein.

Aber in der Cloud fehlt diese Kontrolle der Anbieter durch die Nutzer. Was der Anbieter eines Dienstes entscheidet, das ist so. Da werden Benutzerkonten (z.B. Robert Scoble) oder Seiten (z.B. Windows 3.1) gelöscht. Eine Begründung braucht man nicht geben, denn dieses Vorgehen ist ja durch die Geschäftsbedingungen gedeckt. Und somit braucht man die „Ungehorsamen“ ja auch nicht vorher anzuhören.

Und wenn es den Nutzern nicht passt? Pech gehabt. Geht doch wo anders hin. Aber genau das ist oft nicht leicht, wenn man seine Daten, seinen „Social Graph“ oder auch nur seine Fotos nicht ohne weiteres mitnehmen kann. Nur wenige haben das Glück, so bekannt zu sein wie Scoble, der seinen Account wieder zurückbekam.

Data Lock In – Die Fußfessel der Anbieter

Wärend die User auf alle nur erdenkliche Arten Daten, Wissen, Content ins Internet pumpen, gibt es oft keine Möglichkeit, diese Informationsflut anzuzapfen. Klar, man kann darauf zugreifen – ein Export in großem Stil ist jedoch äußerst selten möglich. Genau dadurch halten die Anbieter die Kunden bei der Stange: Man hat schon so viel in eine Plattform gesteckt, dass es sich nicht lohnt, diese zu wechseln, selbst wenn es bessere bzw. solche mit besseren Nutzungsbedingungen gibt.

Solange es nur eine Wolke gibt, ist der Himmel grau

Christmas Eve Storm Coming Above Kuala Lumpur - (c) by http://www.flickr.com/photos/thienzieyung/

Geschlossene Wolkendecken schlagen auf’s Gemüt. Ebenso wie Cloudcomputing mit großen, übermächtigen Anbietern. Egal, ob diese Google, Facebook oder Microsoft heißen. Wir brauchen eine Infrastruktur, mit der jeder seine eigene Wolke haben kann. Auf dem eigenen Server, wenn er will. Oder bei einem Anbieter nach Wahl. Und wenn der Anbieter nicht spurt, dann wechselt man eben.

So wie wir heute Webspace oder Server anmieten, so sollte auch die Cloud sein. Ich will mein Adressbuch und mein Blog und mein Mikroblog und wasauchimmer selbst hosten können. Wer das nicht mag, für den soll es Anbieter geben, zwischen denen jeder wählen und wechseln kann.

Oder wir es Martin im Kommentar bei Helge schreibt:

Wir bräuchten eigentlich eine Art Facebook, das direkt im Netz sitzt, niemandem gehört, sondern nur auf Standards beruht. Und die Entwicklung ging eigentlich eh fast immer so. Man erinnere sich an die vielen letztlich gescheiterten Versuche, sog. “Portal” für eine Thema, eine Zielgruppe zu werden. So gesehen ist Facebook nur ein weiterer innovativer Startpunkt einer Entwicklung, die sich von lästigen Mittelsmännern irgendwann wieder freimachen wird…

Viele kleine Wölkchen, die im lauen Sommerwind am blauen Himmel entlangziehen – das ist der Traum, den ich für’s Web 3.0 Träume…

Und ich träume nicht alleine

Weitere Cloud bzw. SaaS-Failures oder: Eigentlich hätte das nicht passieren dürfen

Alles von Firmen, die eine recht große Userebasis haben – und somit zu den „Großen“ gehören.

  • Facebook – FB spielt mit Google und Twitter in der Liga, wo zwei Stunden richtig lange sein können.
  • Groundspeak – Feuer im Rechenzentrum – auch Rechenzentren dürfen hin und wieder brennen. Ungeschickt nur, wenn alle Server in einem einzigen Rechenzentrum stehen.
  • Foursquare – Ansturm auf die Datenbank…

Update 2010: Die Cloud ist verbreiteter, als man denkt…

Wer die Wolke besitzt auf der die meisten sitzen, der ist Herrscher über Wettbewerb & Meinungsfreiheit. Somit ist es nicht verwunderlich, dass es im Rahmen der Wikileaks-Skandale eine Reihe von Diensten gab, die versuchten, den Streit zwischen Assange und der US-Regierung von den eigenen Servern weg zu halen. Dabei ist es egal, ob dies aus politischen, wirtschaftlichen oder aus gemischten Gründen geschah. Jedenfalls waren alle, die sich um Schadensbegrenzung mühten, plötzlich mitten drin in der Auseinandersetzung.

Und zu den Cloud-Diensten, die wir alle fast selbstverständlich nutzen, gehört nun auch ganz offensichtlich der Zahlungsverkehr.

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3 Comments

  1. Posted 15. Dezember 2008 at 21:13 | Permalink

    Gedanken an einem wolkigen Tag – Re: Cloudcomputing – http://tinyurl.com/5ry8bb

  2. Posted 16. Dezember 2008 at 8:20 | Permalink

    Sehr guter Artikel! Du bringst die Problematik exakt auf den Punkt.
    Ich bin sowieso sehr vorsichtig, was Daten-in-teh-Interwebs-stellen betrifft. Und die paar Services, die ich noch extern nutze, werden nach und nach auf meinen eigenen Server verlagert (mit Jabber-Server, Blog und E-Mail ist das schon geschehen, am Linkdump und Laconica Server arbeite ich gerade).
    Was natürlich dabei wegfällt, ist der soziale Aspekt, der sich für mich bei Seiten wie deli.cio.us zeigt. Das Austauschen von Links mit einer großen Gemeinschaft ist beim eigenen Service nur schwer umzusetzen (außer man spiegelt die Daten auf irgendeine Weise).
    Laconica geht da den richtigen Weg. Microblogging auf dem eigenen Server aber dennoch vernetzt mit anderen. So funktioniert das ja bereits mit dem eigenen Jabber Server. Ich muss mich über Downtimes von jabber.ccc.de oder jabber.org nicht mehr aufregen. Und wenn ich dann doch eine Downtime habe, dann ist in dem Moment die fehlende Chat-Funktion wahrscheinlich mein kleinstes Problem 😉

    • Posted 18. Januar 2012 at 12:01 | Permalink

      Mensch das ist ja krass, 2008 sprach man schon über Clouding, was heute 2012 nun in aller Munde bzw. von jeden bald genutz wird! die Seite ist Richtungsweisend

3 Trackbacks

  1. […] Ich habe nochmal nachgeschaut. Ich denke, meinen “besten Artikel 2008″ habe ich erst vor ein paar Tagen geschrieben: Gedanken an einem wolkigenTag – Re: Cloud Computing […]

  2. […] Weniger Wölkchen am Google-Himmel Posted on 08:24, January 15th, 2009 by Stefan Auch wenn es keine besonders “wichtigen” Dienste sind, so bestätigt die Liste der Webanwendungen, die von Google nicht mehr weiter unterstützt werden (Google Video, Notebook, Jaiku, Dodgeball und Catalog Search) doch meine Meinung, dass jeder seine eigene Wolke für’s Cloud Computing haben sollte. […]

  3. […] da fragt man mich ernsthaft, warum ich ein zwiespältiges Verhältniss zu SaaS habe… Es wird höchste Zeit, dass es eine Alternative gibt… « Helden […]