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Zukunft des Bloggens: Video oder Text?

Jan Tißler stellt einige Punkte über die Zukunft der Bloggerei zur Diskussion. Sein Artikel soll eine Vorbereitung für eine Session beim Barcamp in Hamburg sein. Daher stellt er zu jedem Argument auch die entsprechende Gegenposition dar.

Einen Punkt habe ich mir herausgepickt, weil Jans Gegenrede meiner Meinung nach nicht weit genug geht:

2: Video schlägt Text
Nicht jeder hat Zeit und Lust, sich einen länglichen Blogbeitrag durchzulesen – mal eben einen Film in 2:30 Minuten anzuschauen, ist aber eher drin. Die technischen Möglichkeiten lassen in dieser Hinsicht kaum noch Wünsche offen. Videos in annehmbarer Qualität und auch Live-TV übers Netz sind heute Dinge, die jeder interessierte Nutzer selbst produzieren kann.
Gegenrede: Nicht alles lässt sich in Videos transportieren und nur in einigen Fällen sind Bilder überhaupt notwendig und vorhanden. Für ausführliche Informationen ist in solchen Filmen zudem kein Platz. Video ergänzt Texte und Fotos um eine weitere Komponente und will geschickt eingesetzt sein. Daneben aber haben reine Textangebote ebenso ihre Berechtigung.

Hier „meine Gegenrede“:

  1. Die Informationsdichte von Text ist im Vergleich zu Audio und Video deutlich geringer. Viele Sachverhalte lassen sich mit Text schneller vermitteln. Speziell dort, wo es auf Fakten und nicht auf Emotionen ankommt, schlägt Text das „Bewegtbild“ um Längen. Durch zweieinhalb Minuten lesen erfahre ich viel mehr als durch zweieinhalb Minuten Video.
  2. Texte kann man in allen Umgebungen erstellen und konsumieren. Sowohl in sehr lauten Umgebungen, als auch dort, wo Stille vorgeschrieben ist (vom Tastaturklappern einmal abgesehen).
  3. Auf Audio und Video kann man nur sehr schlecht verlinken. Auf den ganzen Beitrag schon. Aber wenn man nur auf bestimmte Stellen Bezug nimmt, wird es schon umständlich. Auch Inhaltsverzeichnisse sind nicht wirklich elegant lösbar. (Dieser Punkt kann mit der Zeit behoben werden – und wird es hoffentlich auch bald)
  4. Man kann nicht aus Videos „herausverlinken“.
  5. Audio und Video (in ihren momentanen Ausprägungen Radio und TV, aber auch Podcasts, Audiobooks und Videopodcasts) sind sehr viel mehr „Nebenbeimedien“ als es Text ist (sowohl Buch und Zeitschrift, als auch Internetseiten)
  6. Mit Audio und speziell Video (auch Screencasts) lassen sich Zusammenhänge einfach erklären. Um Details und Hintergründe zu beleuchten benötigt man Text.
  7. Die Produktionszeiten für Audio und Video sind zu hoch. Und sie werden es (abgesehen von weitgehend ungeschnittenen Gesprächen) auch bleiben.
    Nicht jeder kann Video produzieren, auch wenn uns die Werbung das weismachen will.

Zum Abschluss hier nochmal einen Hinweis auf die Ode an den Text schlechthin. Denn auch wenn von „Unix“ und „Windows“ gesprochen wird, so geht es in „The Elements Of Style: UNIX As Literature“ von Thomas Scoville um den gleichen Konflikt: Tippen oder Klicken, Schreiben oder Sprechen, Lesen oder Schauen.

Und ja, das Thema hat auch etwas mit der Intelligenz der Zielgruppe zu tun…

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6 Comments

  1. Posted 15. November 2008 at 23:05 | Permalink

    Klasse 🙂 Vielen Dank für den Link und für die interessanten Ergänzungen!

  2. Posted 15. November 2008 at 23:41 | Permalink

    Ich stimme dir (auch als Produzent eines Videopodcasts) in allen Punkten zu. Text ist für mich der bevorzugte Weg, um Informationen zu erhalten oder Sprache zu genießen.

    Mein Hauptargument für Text ist die variable Geschwindigkeit und Nichtlinearität, mit der ich lesen kann. Eine weitschweifige Einleitung, schnell überflogen. Der Kerngedanke, langsam, mit Nachdenken. Wie war das noch? Schnell noch mal in den Absatz oben links geschaut.

    Mit Audio oder Video kann ich nichts von dem machen, außer eventuell die Geschwindigkeit etwas zu erhöhen. aber da ist mit der Verständlichkeit schnell Schluss.

    Videos haben ihre Berechtigung, wenn visuelle Informationen wichtig sind. Viele Arbeitstechniken zum Umgang GIMP kann ich mit dem Video einfacher beschreiben als mit Text.

    Um einen ähnlichen Vermittlungserfolg zu erzielen, müsste ich eine Fülle von Abbildungen herstellen und sie in den Text einbinden. Der Zeitaufwand für einen solchen Text übersteigt dann auch schnell den für ein Video. Denn dort „versendet“ sich so mancher Schnitzer, sei es inhaltlicher oder sprachlicher Natur, der im Text sehr unangenehm auffallen würde.

    Meine „Abnehmer“ ziehen allerdings das Video dem Text meist vor. Wahrscheinlich haben sie andere Rezeptionsgewohnheiten und können mit Videos besser umgehen als ich.

    Ein Punkt, der in Kommentaren zu meinen Videos immer wieder auftaucht, ist der (scheinbare) persönliche Kontakt, das über die Schulter schauen.

  3. Posted 16. November 2008 at 18:49 | Permalink

    @Rolf (und alle): Mit meinem letzten Satz wollte ich nicht sagen, dass Video-Podcasts unbedingt „weniger gehaltvoll“ sein müssen als Texte.

    Speziell Meet the GIMP ist fest in meiner Liste von „Diese Videos will ich mir anschauen“ Blogs. Den Link auf Dein Tutorial habe ich hauptsächlich deshalb verwendet, weil 1. Ich den Tab offen hatte (und das Video noch sehen will) und 2. es ein schönes Beispiel dafür ist, wie mühsam Inhaltsverzeichnisse für Videos sind.

    Alle Videos und Audios, die ich hier verlinkt habe, sehe ich als gute Beispiele für das Genre. Sei es, um die Programmbedienung darzusetellen, oder um „Gespräche“ einzufangen, die ohne die Technik gar nicht breit verfügbar wären.

  4. Posted 16. November 2008 at 19:10 | Permalink

    Danke für die Blumen – ich hatte das auch so verstanden. Es ist eben ein anderes Medium und in speziellen Fällen dem Text überlegen.

    Mir ist noch eine Eigenschaft von geschriebenen Texten eingefallen, bei denen ich sie dem Audio oder Video „Input“ vorziehe. Ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit auf andere Dinge (Fahrkarte bitte…) bringt mich aus dem Fluss, wenn ich etwas höre. Das „wieder aufsetzen“ ist mühsam. Beim Text fange ich einfach den Absatz wieder an (der bei mir visuell „gebookmarked“ ist) und lese weiter.

  5. Posted 17. November 2008 at 22:13 | Permalink

    Im Artikel und den Kommentaren werden einige gute Argumente zugunsten von Text und gegen das Video genannt. Aber insgesamt klingt mir das doch etwas „nostalgisch“ zwischen den Zeilen…

    Ich sehe in amerikanischen Blogs Videos ziemlich klar auf dem Vormarsch. Wann diese Welle bei uns ankommt, kann ich nicht sagen. Wir haben in Deutschland noch zu wenig professionelle Blogs, die dementsprechend auch eigenen Videocontent produzieren könnten.

    Der Trend geht aber eindeutig in diese Richtung, nicht zuletzt weil auch einige der Gegenargumente schwach sind. In Großraumbüros stört der Ton von Videos? Dann hört man eben mit dem Headset. Man wird beim Anschauen eines Videos unterbrochen? Dann drückt man eben die Pausetaste und fährt damit fort, sobald man wieder Ruhe hat. Man hat etwas nicht richtig verstanden? Dann schaut man sich entweder das ganze Video oder einen Ausschnitt daraus nochmals an. Aus Videos heraus kann man nicht verlinken? Macht nichts, bald geht das auch: Die Werbung muss ja auch noch irgendwie in die Videos rein und spätestens damit haben wir dann auch Links aus diesem Medium heraus.

    Wir sollten nicht vergessen: Das Medium Video ist im Internet noch relativ jung und kam erst mit YouTube ab 2005 so richtig in Fahrt. Dementsprechend gibt es hier auch noch sehr viel Entwicklungspotenzial.

    Immerhin – und das als Wasser auf die Mühlen der Kritiker: Seesmic als Videokommentarfunktion hat bislang noch nicht so richtig an Fahrt gewonnen. Auf TechCrunch etwa fristet es ein Schattendasein im Vergleich zur herkömmlichen Kommentarfunktion. So einfach ist es also nicht mit den Videos, das gebe ich schon zu!

  6. Posted 18. November 2008 at 17:12 | Permalink

    8. Audio und Video lassen sich schlechter durchsuchen. Es gibt zwar Ansätze, das zu ändern (z.B. http://www.podscope.com/ oder http://labs.google.com/gaudi), aber solche Suchmaschinen erfassen noch lange nicht alle Inhalte, und es lässt sich auch nicht so schnell überprüfen, ob ein Suchtreffer tatsächlich relevant ist wie bei Text.

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