Behavioral Targeting VI: Get Real!

Posted on 10:12, October 12th, 2007 by
Stefan
Gechippte Hunde, RFID-Einkaufswägen, Eingangskontrolle, Mitgebrachte Waren & RFID
Hoffentlich hat sich das noch niemand patentieren lassen:
Annahmen:
- In absehbarer Zukunft wird der Barcode von RFID-Sendern abgelöst werden. Zum Teil ist dies schon geschehen.
- Per RFID ist nicht nur jede Artikel (also: “Socke, rot - Größe 38 - Ausführung ‘deluxe’”), sondern jedes einzelne Produkt eindeutig gekennzeichnet (etwa: “Schokoriegel ‘Lecker’ - Charge 17 vom 11.09.2001 - Riegel Nr. 3128″). Dies wird wahrscheinlich nicht in Klartext, sondern per eindeutiger Nummer (”ID”) geschehen.
- Die RFID-Sender werden beim oder nach dem Bezahlen nicht stillgelegt werden. Es werden viele Menschen aktive RFID-Sender mit sich tragen.
Mögliche Szenarien:
Die Tatsache, dass sich RFID-Chips aus der Entfernung auszulesen sind, eröffnet für Werber und andere Datenspione unter anderem folgende Möglichkeiten:
- Die RFID Sender in kurzlebigen Produkten: Diese sind für kurzfristige Kaufempfehlungen heranzuziehen: Der Träger eines Schokoriegels ist wahrscheinlich einem Softdrink nicht abgeneigt, sofern er nicht schon eines hat (was man ja auch auslesen kann).
- Kundenverfolgung: Entlang einer variablen Wegstrecke wird der Zielperson aufeinander aufbauende Werbung gezeigt oder ins Ohr geflüstert. Aufgrund der Geschwindigkeit kann erraten werden, welche Werbung effektiv ist, und entsprechend kann die Kampagne individuell gestaltet werden.
- Langlebige Produkte ermöglichen es detaillierte Profile über einen gewissen Zeitraum zu erstellen. Hierfür eignen sich z.B. RFID-Sender in Brillen, Schuhen, Armbanduhren, usw. Durch Kombination mehrer solcher “Merkmale” lassen sich Profile auch dann wiedererkennen (bzw. Zusammenführen) wenn einzelne Artikel fehlen. Nehmen wir an: Mein Profil hat als herausragenden Artikel meine Armbanduhr, da ich diese fast immer trage. Beim Saunabesuch lege ich sie jedoch ab. Die Werbetafel in der Sauna kann mich dann aber trotzdem korrekt wiedererkennen, da ich kurz zuvor mit meinem Saunatuch (und der Uhr) durch das Drehkreuz am Eingang gegangen bin. Beim Kauf einer neuen Uhr wird das alte Profil nicht “wertlos” da der Uhrenwechsel durch andere Artikel (Handy, Schuhe, Mantel) “überbrückt” wird.
- Kombinationen: Durch die Kombination von kurzfristig mitgeführten Artikeln und langfristigem Profil lassen sich “intelligente Kaufempfehlungen” generieren: Wer normalerweise keine Schokoriegel mit sich führt, aber jetzt gerade einen besitzt, der wird an der Werbetafel nicht mit der üblichen süßen Brause konfrontiert, sondern bekommt eine gewissensberuhigende “Whatever Zero” angeboten
- Kundenbewertung: Wer im Hotel nach dem Zimmerpreis fragt, bekommt vom Empfangspersonal zielsicher eine dem Geldbeutel entsprechende Kategorie empfohlen. Dies ist zwar heute schon der Fall - die Empfehlungen werden aufgrund von äüßeren Anzeichen ausgesprochen (Anzug/Auto/…) Man kann damit aber auch sehr falsch liegen. Motorradfahrende Vorstandsvorsitzende wurden Ende der 80er-Jahre hier oft als Beispiel herangezogen. Wie viel genauer könnte ein System die Zimmerkategorie/Preis festlegen, wenn man ohne Zweifel die Marken der Armbanduhr, der Schuhe, Socken und Unterwäsche in die Entscheidung mit einbeziehen könnte?
- Indiskretion: Wenn das System feststellt, dass eine Person z.B. einen Schwangerschaftstest und ein Buch über die Entwicklung von Embrios mit sich führt, kann man entsprechende Empfehlungen für Schwangerschaftsmode, Windeln und Babynahrung angeben. Die “Anwesenheit” von drei Flaschen Spirituosen im Handgepäck des Zimmersuchenden könnte das Buchungssystem dazu bewegen, die Zimmerverfügbarkeit kurzerhand auf Null zu setzen. Und die Kombination von Produkten in kleinen Packungsgrößen könnte einen werblichen Hinweis auf eine Single-Börse bewirken. Die Möglichkeiten sind unbegrentzt!
- Bewegungsprofile: Wer beim Brotregal war und dann an der Wursttheke, geht anschließend oft noch bei der Marmelade dabei. In Supermärkten werden wir auf dem Weg zu wichtigen Produkten schon heute an Zusatzartikeln vorbeigeschleust. Mit detailierteren Kenntnissen der Kundenwege wird dies wohl noch optimiert und durch “dir richtigen Durchsagen aus den richtigen Lautsprechern” verstärkt werden.
Zukunftsmusik?
Ja. Obige Szenarien werden wahrscheinlich nicht in den nächsten 5 Jahren auf uns zukommen. Aber die Vorraussetzungen werden heute geschaffen. Was dann noch fehlt ist ein dichtes Netz von “Lesestationen” in zentraler Hand und die entsprechenden Datenbanken. Eventuell auch noch eine Lockerung des Datenschutzgesetzes - oder zumindest die Klärung, ob die Profilzuordnung zur “Armbanduhr” als persönlich zu betrachten ist oder nicht.
Aber eines ist sicher: Bei der Menge an Geld, die mit und durch zielgerichtete Werbung verdient wird ist davon auszugehen, dass der zweifellos große finanzielle Aufwand für die Entwicklung und Realisation aufgebracht werden.
Der umstrittene Abschnitt über den Einsatz von RFID-Sendern bei Wikipedia zeigt, wie erschreckend weit die Entwicklung schon heute ist.
Die Grundlagen in der Auswertung und Kombination der gesammelten Daten ist schon heute zum großen Teil vorhanden (Data-Mining) Sowohl im WWW als auch in Second Life wird Behavioral Targeting in der Werbung eingesetzt. Und mit RFID wird die Werbeindustrie ein reales Äquivalent zu Cookies und JavaScript im Browser haben. Und dann ist es wirklich nicht mehr weit, bis zur Schönen Neuen Welt…
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