Hauptsache frei

datePosted on 22:12, January 10th, 2006 by Stefan

See http://stefan.waidele.info/2006/01/10/free-at-last/ for the english version.

Es gibt zwei Hauptargumente, die Skeptiker von Open Source immer wieder vorbringen: Das Fehlen von Dokumentation und die zu breit gefächerte Auswahl an Programmen, die das gleiche tun.

Als Lösungsansatz ist dann meist zu lesen, dass mehrere Projekte doch fusionieren sollen, um bessere Qualität und auch aktuelle Dokumentation abzuliefern. Im Editorial der aktuellen iX kommt der Autor zu folgendem Schluß:

Einsicht der Open-Source-Aktivisten in die Notwendigkeit brauchbarer Dokumentation und in die Vorzüge der Selbstbeschränkung brächte womöglich uns Anwendern die Freiheit zurück, mit den Programmen einfach nur zu arbeiten.

Diese Argumentation ist in mehrfacher Hinsicht fehlerhaft, auch wenn nicht bestritten werden kann, dass es viele OOS-Projekte gibt, die unausgereift und unnötig sind. Daraus jedoch zu schließen, dass sich Gnome und KDE, OOo und KOffice und Emacs und XEmacs (warum nicht gleich auch noch vi?) zusammentun sollten schießt jedoch weit über das Ziel hinaus.

Diese Projekte sind mit unterschiedlichen Zielsetzungen gegründet worden. Sie verfolgen unterschiedliche Ideale und bauen auf unterschiedlichen Ansätzen auf. Diese Unterschiede machen einen Teil des Wertes freier Software aus. Freiheit mit Programmen einfach nur zu arbeiten gibt es nur dort, wo Programme sind, die zum individuellen Arbeitsstil des Anwenders passen.

Diese Diversizität gab es übrigens auch schon einmal bei kommerziell entwickelter Software. Es gab AmiPro, WordPerfect und Word. Es gab 1-2-3, Multiplan und Excel. Es gab Borland TurboPascal, MicroSoft Basic, RealBasic, und vor allem 6502-Assembler. Es gab TOS, GEM, WorkBench, OS/2 und DOS/Windows. Und schon damals war man sich einig: Das Handbuch ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde. Mangelnde Qualität der Programme oder der Dokumentation war nicht der Grund für das virtuelle Artensterben.

Wäre die Dokumentation kommerziell erstellter Software so gut, dann wären die Buchhandlungen nicht voll von Büchern die den Umgang mit einer Textverarbeitung erklären, und die Zeitschriftenregale wären nicht voll von Heften mit “1000 geheimen Tricks zu Ihrem Betriebssystem”. Die Autoren buhlen um den Marktführer, und das ist auch ihr gutes Recht. Die gesammelten Erklärungen der EDV-Verlage mit “guter Dokumentation kommerziell erstellter Software” gleichzustellen ist jedoch naiv.

Auch kommerziell erstellte Software wird heute hauptsächlich im Internet von anderen Benutzern erklärt. Bei Branchenlösungen bringt mangelnde Dokumentation sogar noch eine zusätzliche Umsatzquelle in Form von Schulungen.

Desweiteren vergessen die Prediger des “Kommerziell bedeutet Qualität” auch, dass es maßenweise Shareware, Adware, Cheapware oder Whateverware, die in Punkto Qualität weit hinter Freier Software zurückliegen. Die wirklich Guten und Erfolgreichen, werden dann vom Marktführer immitiert und somit verdrängt. Als Beispiele hierfür sind zum Beispiel DoubleSpace, Norton Commander, Netscape Navigator, WinAmp oder WinDVD zu nennen. Freie Software ist wichtig, weil sie nicht gekauft werden kann und auch nicht von den normalen Markt- und Machtfaktoren abhängig ist.

Die Qualität der Dokumentation nimmt dort zu, wo sich eine Benutzergemeinschaft bildet, die hinter einem Produkt steht. Dies gilt sowohl im freien als auch im gewerblichen Umfeld. Bei Freier Software geschieht dies jedoch leichter, da die “Community” und nicht eine viel zu große Firma von der Supportarbeit der Freiwilligen profitiert. Freie Dokumentation mag nicht so schnell wachsen wie Freie Software, aber sie wächst. (Die im iX-Editorial genannte mangelnde Dokumentation der Programmierschnittstelle von OpenOffice.org stammt übrigens noch aus der Zeit als StarOffice rein kommerziell erstellt und vertrieben wurde.)
Auch die Bücher und Zeitschriften, die sich Freier Software annehmen wachsen in Zahl und Qualität.

Freie Hardware

Mit wachsendem Druck der Software- und Filmindustrie auf die Hardwarehersteller wird es für Freie Software immer schwieriger werden, auf “Standartisierder Hardware” zu laufen. Spätestens wenn Windows (oder wie auch immer es dann genannt wird) nur noch auf bürotauglichen X-Boxen ausgeliefert wird, wird es Zeit werden für “Freie Hardware” (Free Computer - FC?). Diese werden dann mit Linux (oder was daraus werden wird) ausgeliefert. FC/Linux stellt dann neben X-Box/Windows, Apple/MacOS eine weitere Kombination von Hardware mit fest zugeordnetem Betriebssystem zur Wahl. Und darum geht es doch letztendlich: Freiheit bedeutet auch die Freiheit zu wählen.

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